Wir sind in einer Ära der Heilung angekommen. Individuell. Kollektiv. Planetar. Vielleicht sogar universell. In diesem Heilungsprozess findet aktuell ein Paradigmenwechsel statt. Und diesem wohnt ein ganz anderes Wachstum inne als jenes, das uns bisher gemeinhin und vor allem aus ökonomischer Sicht geläufig war. Es ist ein Wachstum nach innen.

An Kindern sieht man, wie sehr sie durch Krankheit reifen. Sie sind nach dem Durchlaufen des Heilungsprozesses in ihrer Entwicklung eine Stufe weiter. Uns Erwachsenen ergeht es derzeit ähnlich. Die der Menschheit innewohnende Krankheit der Trennung und des Mangels durchläuft eine grundlegende und machtvolle Transformation. Dabei handelt es sich um intensive Prozesse des Loslassens und der Vergebung, die meist auf unterbewusster Ebene eingeleitet und in Folge durch Bewusstwerdung in die Heilung geschickt werden. Wir tauchen ab in verborgene Tiefen, und werden daraus neu geboren. Transformiert. Vollständig. Heil. Und wissend.

Natürlich spielt sich diese Transformation nicht an einem einzigen Tag ab. Und komprimiert. Es ist ein Prozess, der spiralförmig verläuft. Er bringt uns auf der einen Seite näher zum Licht, und andererseits zurück zum Urgrund des Seins, in dem die Schatten erlöst werden. Stück für Stück. Schritt für Schritt. Und genau in der Dosis, in der es die einzelne Seele für ihren ureigenen Wachstumsprozess braucht.

Je sensibler die Seele, desto tiefgehender und intensiver scheinen die Prozesse. Vielleicht habe ich es deshalb noch nie einfach gefunden, ein Mensch zu sein. Sehr wahrscheinlich muss man dazu eine alte Seele sein, um das zu fühlen. Eine, die genug Erfahrungen des Menschseins in früheren Inkarnationen gesammelt hat, um immer weniger an irdischen Dingen anzuhaften. Eine Seele, die das Glück und die Erfüllung ihres Seins in der Tiefe sucht. Dennoch, in manchen Momenten, und meist dann, wenn es besonders schmerzhaft wird, beneide ich all jene, die sich über die wahren Fragen des Lebens wenige bis keine Gedanken machen. Menschen, denen die materielle Welt genügt. Und die vor allem nicht so tief fühlen.

Ich habe noch nicht verstanden, warum ich mir das Gegenteil ausgesucht habe: Das Leben einer sensiblen Seele. Manche würden sagen hochsensibel. Ein Wesen, dem es körperliche Schmerzen bereitet, wenn ein Ferrari laut brausend durch das Stadtzentrum von Rust fährt und dem es ein Gräuel wäre, dem Donauinselfest beizuwohnen.

Alles Grelle, Schnelle und Aggressive tut mir in der Seele weh. In der Politik so sehr, wie in der Werbung.  Slogans von „Wie du schneller … höher … weiter … besser …“ irgendwo hinkommst, widerstreben meinem inneren Wesen zutiefst. Marketing-Strategien, denen diese Aggressivität anhaftet, tun mir in der Seele weh. Meinem Gefühl nach fehlt es ihnen allen an Schönheit. An dem Lichtvollen. An dem Seelenvollen. Dem Stillen. Und es macht mich traurig, dass diese Welt für dieses Schöne und Sensible so wenig empfänglich ist. Aber wahrscheinlich stimmt es auch, dass wenn der Schmerz in seiner Gesamtheit am Ende erlöst ist, man all das Grelle, Schnelle und Aggressive umarmen kann. Und es einem nichts mehr anhaben kann.

Gestern habe ich meine erste Landingpage für ein Produkt erstellt. Nein, es ist wahrscheinlich keine Landingpage, die marketingtechnisch vorteilhaft eingerichtet ist. Dazu fehlt es an einem schrillen Gelb für den Verkaufsbutton und an sonstigen manipulativen Mechanismen. Ich habe erst gar keine Meinungen eingeholt. Ich wollte eine Seite erstellen, die meinem Wesen entspricht. Die meinem Anspruch an Ästhetik gerecht wird. Und die meine Seele widerspiegelt.

Das alles hat mit einer großen Sehnsucht nach Tiefe zu tun. Nach Schönheit. Und nach Wahrheit. Einer Sehnsucht nach Ausdruck der zarten Bewegungen der Seele. Vor kurzem hörte ich jemanden sagen, dass wenn man im Leben unglücklich ist, es dem Leben sehr wahrscheinlich an Tiefe fehlt. Und ich wusste insgeheim, dass unter anderem ich damit gemeint war. Ich war immer wieder einmal unglücklich in meinem Leben. Und es zeigte mir, dass ich meinen wahren Seelengrund noch nicht in seiner ganzen Tragweite gefühlt hatte.

Dabei hat mein Leben eine Tiefe, die sich viele Menschen vermutlich gar nicht vorstellen können. Diese Tiefe hat viel mit Alleinsein zu tun. Wenige Menschen sind hier zuhause. Es ist eine stille Welt. Eine leise. Eine zartfühlende. Und manchmal macht mir der Abstieg in den noch tieferen Grund Angst.

Aber wenn die Seele ruft, und die Bereitschaft für Wachstum und Tiefgang unbewusst vorhanden ist, dann schafft das Leben die Bedingungen, um Widerstände des Egos aufzulösen. Die Landingpage war kaum aufgesetzt und mit ein bisschen Stolz begutachtet, als durch eine Korrektur die gesamte Seite gelöscht wurde. Alles war weg. Der ganze Aufwand mitsamt den Verlinkungen dahin. Alles verloren.

Ich hatte schon öfter solche Erlebnisse, wenn es um Schöpfungen auf dem Computer ging und in der Vergangenheit habe ich darauf mit fürchterlicher Wut reagiert, die im Grunde immer eine Traurigkeit überdeckt. Diesmal war alles anders, und es zeigte mir, wie sehr ich auf meinem Entwicklungsweg Fortschritte gemacht hatte. Tränen rannen über meine Wangen. Zuerst ganz zaghaft und irgendwann waren es Sturzbäche, die aus den Augen traten. Nein, nicht die Tränen einer Dramaqueen, wie es ein Freund kürzlich ausdrückte, dazu bin ich mit meinen Gefühlszuständen nicht mehr ausreichend identifiziert. Aber ich erlaubte dem Sensiblen in mir den gefühlt wahren Ausdruck des Moments. Er bekam die Chance, uralten Schmerz loszulassen. Noch einmal.

Das alles hatte nichts mit meiner Landingpage zu tun. Das fühlte ich. „Lächerlich“ würden manche sagen. „Oder warum hast du denn keinen Freund angerufen?“ Aber darum ging es nicht. Es ging um das Loslassen und Annehmen von Schmerz, der tief in mir drinnen weilte und auf Erlösung gewartet hatte. Ein Schmerz des Verlustes. Der Ohnmacht. Der Hilflosigkeit. Ein Schmerz darüber, so viel Anstrengung in etwas gelegt zu haben, das am Ende keine rechtmäßige Entlohnung oder Würdigung erhielt. Zumindest keine, wie sie der Verstand so gerne einfordert.

Hier spielte der Verstand keine Rolle mehr. Ich war ohne Umschweife in die unbewussten Tiefen befördert worden, ohne irgendetwas zu verstehen. Nachdem ich mit den Jahren gelernt hatte, mein SEIN immer mehr zu würdigen und in seiner sensiblen Art wahrzunehmen, lag die Aufgabe darin, das Loslassen zuzulassen. Ohne der Emotion Schranken zu setzen.

Mein Körper fand ganz alleine den Ausdruck, den mein inneres Wesen suchte. Er rutschte wie von selbst vom Schreibtischsessel auf den Boden und sank in die Knie. Ein schluchzender Körper – geschüttelt von uralter Traurigkeit. In solchen Momenten habe ich selten das Gefühl, dass dieser Schmerz mir alleine gehört. Ich habe diese Erfahrung in einer Ayahuasca Zeremonie in Brasilien erlebt. Damals fühlte es sich so an, als wäre es der Schmerz der gesamten Menschheit.

Das Leben zwang mich erneut in die Knie. Und nicht nur in die Knie. Auch auf meine Yogamatte. Ganz nah zur Erde. Wie ein Embryo lag ich da. Trost suchend bei der großen Mutter. Denn sie alleine weiß um den wirklich großen Schmerz dieser Welt. Sie hält aus, wenn ein Mensch in dieser Tiefe und Intensität weint. Ihr brauchte ich nichts zu erklären. Mich zu erklären. Zumal ich ja selbst nicht wusste, was los war. Der Schmerz wollte gefühlt und losgelassen werden. In seiner ganzen Tragweite. Und transformiert. Alles, was es brauchte, war Präsenz und Hingabe an das Leben im Augenblick.

Immer bringen uns die Tränen näher zu Mutter Erde, in die Verwurzelung und in die Tiefe. In den letzten Monaten mehr denn je. Die Momente verdichten sich, in denen Leben in der Tiefe stattfindet. Dort, wo der Schmerz zuhause ist. Vielleicht spüren das auch andere Seelen, die sich nicht dem Geräuschvollen dieser Welt verschrieben haben. Und die so wie ich im Berührtsein und Berührtwerden auf tieferer Ebene Erfüllung suchen. Wenige Menschen sind hier zuhause.

Nach einer Viertelstunde hatte sich mein Körper beruhigt. Er war erschöpft. Transformiert. Anders. Im Frieden. Und dann war Bereitschaft da, mit einer guten Seele darüber zu reden. Sie hatte sich nicht zufällig zu jener Stunde gemeldet, um mir mit meiner Landingpage weiter zu helfen. Das Problem fühlte sich nach dem Gespräch nicht mehr so riesig an. Es schien bewältigbar.

Dennoch hatte ich danach ein großes Verlangen, zu essen, um mich zu erden und mich in Folge von warmem Wasser in der Wanne einhüllen zu lassen. Jenem Element, das uns ganz natürlich mit unseren Gefühlen verbindet. Und in dem Fischegeborene ein Gefühl von Heimat erleben. Hier spürte ich, dass noch nicht alles losgelassen war. Die Seele wollte noch einmal weinen. Und Tränen rannen eine ganze Stunde lang über meine Wangen.

Es gab nichts zu tun.

Noch am Morgen dachte ich auf meinem Spaziergang darüber nach, wie viel Demut mich das Leben über die Jahre gelehrt hatte. Und dass mich vermutlich dieselbe Demut lehrt, im ganzheitlichen Sinn zu leben. Mit allem, was dazu gehört. Vor allem auch die Tränen, die das wahre Heilmittel für den massiv unterdrückten Schmerz dieser Menschheit sind. So fühle ich es. Würden die Menschen wieder weinen, wäre ihr Blick auf das WESENtliche klarer. Und ihr Inneres heiler. Mit den Tränen kommt die Demut. Und mit ihr die wahre Stärke in unserem Innersten.

Die verlorene Landingpage war der Auslöser eines unerwarteten „Zusammenbruchs“. Eine Bruchlandung hat es meine Schwester wenig später humorvoll genannt. Jedenfalls war es eine Landung in der Tiefe. Sie zwang mein Ego in die Knie. Und ich gab alle Widerstände auf, ohne wissen zu wollen, was der wahre Grund dieser abgrundtiefen Traurigkeit war. Ich ließ geschehen. Ich ließ los.

Wenn die Zeit reif ist, nehmen Dinge, Situationen, Menschen von uns Abschied. Und geben uns Gelegenheiten, den Schmerz zu fühlen, der lange hinter den selbst errichteten Mauern, die das Herz umgeben, verschlossen war. Stein um Stein muss von dieser Mauer abgetragen werden. Und kein Mensch nimmt einem diese Aufgabe ab. Aber wenn ein Herz wieder fühlen möchte, gibt es einen anderen Weg?

Abends, als ich müde und dankbar auf das Geschehene des Tages zurückblickte und über das WESENtliche sinnierte, brach plötzlich das abendliche Licht durch eine dicke graue Wolkendecke und flutete das Wohnzimmer mit ihren gleißend hellen Strahlen.

Und ich spürte, dass es gut war.

HerzLICHTe Grüsse

Deine Erika

 

Titelbild von Pixabay

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen