Ich saß gerade bei einem opulenten Mittagessen in Byblos, einer Hafenstadt nördlich von Beirut, als mich eine Nachricht erreichte, die mich nachdenklich stimmte. Ein Freund hatte mich zu sich in den Libanon eingeladen. Er zeigte mir sein Land, seine Kultur und fantastische Orte, an denen ich die libanesische Küche lieben lernte. Vor mir bog sich ein reich gedeckter Tisch in den buntesten Farben. Das renommierte Restaurant lag eingebettet in die felsige Bucht von Byblos. Ein wahrlich traumhafter Ort. Ab und zu streifte mein Blick über die Felsküste und das tiefblaue Meer, das sich im Licht der Sonne zu aalen schien.

 

 

Als ich auf die Nachricht im Smartphone blickte, bekam ich Gänsehaut. Eine junge Volontärin, die so wie ich in dem kleinen Ort Magdalena de Cao im Norden Perus gewirkt hatte, war in Kolumbien gestorben. Wahrscheinlich an einem Spinnenbiss, der zu einer Lungenentzündung geführt hatte. Sie war eine junge Frau, die das Abenteuer liebte. Und Lateinamerika. Ich war sehr betroffen. Für viele war sie viel zu früh gegangen.

Ein Menschenleben hängt an einem seidenen Faden. Ein Menschenleben ist fragil. Und kaum jemand weiß, wann seine letzte Stunde geschlagen hat. „Ach, das mach‘ ich morgen.“ entkommt es uns oft. Oder „Morgen ist auch noch ein Tag.“ Wir sagen die Sätze leichtfertig vor uns her. Und gehen grundsätzlich davon aus, dass es ein Morgen gibt.

 

Wusste es diese junge Frau, dass sie den Morgen nicht mehr erleben würde?

War sie vorbereitet auf den Abschied? Wer war bei ihr, als sie ging?

Kann man auf das letzte große Abschied nehmen überhaupt vorbereitet sein? Lieber wollen wir uns damit nicht auseinandersetzen. Lieber leben wir so, als würde diese irdische Existenz grenzenlos sein. Vielleicht ist das auch tatsächlich eines Tages möglich. Dann, wenn wir verstanden haben, dass unser erweitertes Bewusstsein entscheidet, ob wir als Menschen bleiben oder gehen. Ob wir den Tod als Illusion erkennen, liegt an unserer spirituellen Reife. Für diese Entwicklung unseres Bewusstseins sind wir selbst verantwortlich.

Solange wir dieses Stadium der bewussten Entscheidung nicht erreicht haben, müssen wir anerkennen, dass wir die irdische Hülle eines Tages ablegen. Und vielleicht ist das Ablegen dieses menschlichen Kleides einfacher, wenn wir ein Leben gelebt haben, mit dem wir versöhnt sind.

 

Wenn dir nur noch 7 Tage blieben?

Wie würdest du sie verbringen? Was wäre dir wichtig?

 

Was würdest du tun oder nicht mehr tun? Wo würdest du sein? Welches Fazit hätte dein Leben?

Müsstest du erkennen, dass du am WESENtlichen vorbeigelebt hast? Oder bist du im Frieden?

Würdest du etwas Loslassen? Oder weglassen? Was würdest du zulassen?

Wie intensiv würdest du leben? Was hätte noch Bedeutung? Und worüber könntest du lachen?

 

Ich habe mir die Frage oft gestellt. Und meist ungläubig festgestellt, dass ich möglicherweise nichts anderes machen würde als bisher. Dass, wenn mir nur noch 7 Tage blieben, ich jeden Tag bewusst leben würde. Ich genauso einkaufen gehen und selbst kochen würde. Ich mit einer lieben Freundin im Café plaudern und meine Lieblingsrunde spazieren gehen würde. Ich vielleicht noch einen Text schreiben würde, der mir wichtig genug wäre, um ihn mit Menschen zu teilen. Ich mein Leben lieben würde und dankbar wäre, dass ich so vieles entdecken durfte. Ich mir alles vergeben würde, was ich wider besseren Wissens unterlassen habe. Ich im Frieden sein würde mit dem Hier und Jetzt. Ich mein Zuhause ordentlich hinterlassen würde. Ich mir Rosen auf den Tisch stellen würde. Ich darum bitten würde, zu jenen Menschen und an jene Orte geführt zu werden, wo ich gebraucht werde und am besten dienen kann. Und ich noch einmal langsam küssen und in der Liebe verschmelzen wollen würde.

 

Ich glaube, wenn wir uns öfter fragten, wie wir diese 7 letzten Tage verbringen würden, wir nähmen unser Leben viel schärfer unter die Lupe. Und ließen auch mutiger Veränderungen zu.

 

Wir verlassen den Planeten in der Qualität, in der wir gelebt haben. Die Dinge, die nicht abgeschlossen sind, werden unsere Nachkommen lösen. Vielleicht tun sie es gerne. Aber uns darf bewusst sein, dass es unsere Aufgabe gewesen wäre. Und wir aus Mangel an Mut, aus Unwissenheit, Bequemlichkeit oder Feigheit, oder einfach deshalb weil uns ein starkes Ego daran gehindert hatte, dieser Pflicht nicht nachgekommen sind. Keiner kann den Weg der Bewusstwerdung für einen anderen gehen. Es stimmt allerdings auch, dass jeder Mensch in dem Moment, in dem er handelt, sein Bestes gibt.

Wenn wir aber bewusst innehalten und uns ernsthaft fragen, ob wir unsere ureigene Wahrheit auch tatsächlich leben, müssten wir vielleicht zugeben, dass wir an manchen Stellen weit gefehlt haben.

Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir das Leben leben würden, wenn uns nur noch 7 Tage blieben, kann uns wachrütteln. Aus einer Trance. Aus einer Illusion. Oder einem Drama, dem wir unsere Rolle nicht mehr zur Verfügung stellen wollen.

Die junge Österreicherin, die in Kolumbien ihr Leben ließ, war glücklich in Lateinamerika. Es war der Kontinent ihres Herzens, auf dem sie sich lebendig fühlte. Und in der Freude. Sie hatte ein pulsierendes Leben gelebt. Kein laues. Und niemand kann beurteilen, ob nicht in diesem kurzen Leben die Intensität eines viel längeren komprimiert war. Ihre Seele allein weiß.

Als ich zu Beginn dieses Jahres eine Einladung in den Libanon erhalten hatte, wusste ich, dass es der Moment war, der Einladung zu folgen. Es war eine grandiose Woche in Begleitung meines ganz persönlichen Reiseführers. Ein ganz besonderes Geschenk. Rückblickend hätte ich es bereut, wenn ich mich von der Angst hätte leiten lassen.

Wenn wir also nicht wissen, wie wir uns der Frage nach den letzten sieben Tagen unseres Lebens nähern sollen, dann können wir auch die Liebe fragen:

 

„Was würde die Liebe tun?“

 

Hier und Jetzt.

Tu es.

 

 

Herzliche Grüsse

Erika

 

 

 

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