Eine Seele, die ganz frisch von den göttlichen Sphären auf die Erde herabsteigt, um menschliche Erfahrungen zu machen, sucht sich die Eltern und die Bedingungen aus, anhand derer sie lernen möchte. Schöpfung macht keine Fehler. Sie basiert auf dem Resonanzprinzip. Also wird man auch nicht zufällig in eine Familie hineingeboren.

Dennoch, viele Jahre meines Lebens dachte ich, ich wäre im falschen Nest gelandet. Eine Art Kuckuckskind, das man versehentlich oder auch absichtlich auf dem Bauernhof in den Hügeln der Buckligen Welt abgelegt hatte. Als mir Jahrzehnte später ein Heiler in Frankreich sagte, ich wäre ein vilain petit canard, ein hässliches kleines Entlein, (und er meinte das ganz bestimmt nicht böse und auch nicht wortwörtlich), verstand ich augenblicklich, was er damit aussagen wollte. Ich hatte mich zeitlebens auf diesem Bauernhof und in meiner Familie unwohl gefühlt.

Das Leben war mir zu laut, zu hektisch, zu streng, zu hart. Von Vielem, was mir zu schaffen machte, gab es ein Zuviel. Und von dem Ersehnten, von dem, was meine Seele gebraucht hätte, zu wenig. So fühlte ich es jedenfalls. Es wunderte mich in Folge nicht, dass ich so gerne zur Schule ging und später auf meinen Reisen kein Heimweh kannte. Heimweh wofür?

Die Erziehung in einem katholischen Elternhaus ist vermutlich überall auf dieser Welt dieselbe. Zusammenfassend könnte man sagen, dass einem darin die Flügel ganz kräftig gestutzt werden. Ein schmerzhafter Prozess. Ich fand, dass die Erziehung meiner Eltern viel zu streng war. Ich verstand die Härte der Bestrafung für die kindlichen Delikte nicht und fühlte eine große Diskrepanz zwischen den Handlungen im Alltag und dem sonntäglichen Auftritt in der Kirche. Vieles fühlte sich nicht richtig an und also lebte ich am liebsten in meinen inneren Welten, in die ich mich flüchtete, um emotional zu überleben.

Mein Vater war streng. Er arbeitete ununterbrochen. Er war oft ärgerlich. Wenn er Lieder pfiff, entspannte ich mich für Augenblicke. Wenn er meinen Namen rief, geriet ich in Stress. Wenn er mich bestrafte, fürchtete ich mich vor ihm. Bewusst erinnere ich mich an einen einzigen glücklichen Moment, in dem mein Vater nur für mich da war und mich Huckepack zu Bett trug. Immerhin hatte ich fünf Geschwister. Aber es stimmte auch, dass wann immer ich krank war, er sich abends einen Moment Zeit nahm, um nach mir zu sehen. Und natürlich gäbe es aus heutiger Perspektive noch viel Gutes hinzuzufügen. Damals empfand ich fast ausschließlich Stress.

Später als Teenager traten die Gefühle der Schuld und Scham hinzu, nicht richtig zu sein, bzw. einen Vater zu haben, der gefühlsmäßig Meilen von mir entfernt war. Ich war unglücklich, diesen Vater zu haben. Und ich war unglücklich darüber, dass ich nicht glücklich sein konnte. Der Moment, in dem er mir am nächsten stand, war der Tag meiner Hochzeitsabsage. Er tat, was man von einer Mutter erwarten würde, nahm mich in den Arm, weinte und sagte, ich könne immer heimkommen, wenn ich etwas brauchte. Es rührte mich zu Tränen.

Mit 30 Jahren rief mich meine Seele in die Ferne. Nach Frankreich. In eine Zeit der Heilung und Bewusstwerdung. Ich nahm mein Leben unter die Lupe, begann eine intensive Selbstreflektion und fand heraus, was von den Inhalten in dem Rucksack, den ich mit mir herumschleppte zu mir gehörte, und was davon ich dankend zurückgeben oder einfach nur loslassen durfte. Es war harte innere Arbeit. Auch meinem Vater schrieb ich zum Vatertag diesen Brief mit ICH-Botschaften, den ich auch schon meiner Mutter geschickt hatte. Eine Antwort ließ nicht auf sich warten. Und sie berührte mich tief. Mein Vater schrieb mir einen Brief, in dem er sich verletzlich zeigte. In dem er mir von seinem Leben erzählte, von seinen Eltern, von seinen Prinzipien und Werten, und indem er sich entschuldigte und mir sagte, wie sehr er mich liebte. Der Brief war ein Geschenk. Und er war der Anfang der Heilreise, mich mit dem väterlichen Prinzip in mir zu versöhnen.

Der eigene Vater ist der erste Mann im Leben einer Frau. Alles, was er ist, was er vorgibt zu sein, was er lebt, lebt in seiner Tochter weiter. Sie nimmt es ungefiltert auf. Aus Liebe. Auch wenn sie innerlich mit dem Verhalten oder den Werten des Vaters in Konflikt gerät. Kinder sind ihren Eltern gegenüber immer loyal. Es ist ihre einzige Möglichkeit zu überleben. Und später, wenn es darum geht, den Mann zu finden, mit dem man das Leben teilen möchte, spiegelt sich in dieser Beziehung die gesamte Beziehung, die man mit dem eigenen Vater hatte.

Was konnte das für meinen konkreten Fall bedeuten? Nichts Gutes. Denn ich war innerlich mit meinem Vater unversöhnt. Ich verstand nach und nach, warum ich in den Beziehungen zu Männern so unglücklich war. Warum ich sie nicht erreichte, und warum sie mich nicht erreichten. Sie verkörperten den Teil meines Vaters, der nicht zugänglich war. Und umgekehrt war es genauso. Denn, wenn ich eines gelernt habe, dann den Schmerz meiner Kindheit zu unterdrücken, wegzusperren und mich SELBST zu verschließen. Um mich zu schützen.

Mein sehnlicher Wunsch war es jedoch, in Frieden zu kommen. In Frieden zu sein mit meinem Leben, mit meiner Herkunft und meiner Geschichte, mit meinen Eltern und vor allem auch mit meinem Vater. Eine reine Absicht kann Großes bewirken. Je mehr ich der Liebe in mir Raum gab, desto schöner wurde das Verhältnis. Je mehr ich zu mir SELBST stehen konnte, desto mehr konnte mein Vater zu mir stehen. Je ausgeglichener mein Leben wurde, desto entspannter wurde die Beziehung zu ihm.

Als ich in den letzten Jahren die Familiengeschichte unserer Sippe niederschrieb, lauschte ich oft seinen Geschichten. Mein Vater wurde darin lebendig, als kleiner Junge, als Schüler, als Teenager, als junger Mann und später als Ehemann und Vater. Ich erfuhr vieles aus seinem Leben, was mir erklärte, warum mein Vater war wie er war. Und es berührte mich. Ich begann immer mehr das Gute wertzuschätzen, das ich dank seiner erfahren und gelernt habe.

Mein Vater hat mir Werte mit ins Leben gegeben, die nur durch ihn und nur durch das Leben auf diesem Bauernhof für mich erfahrbar waren. Und ich erkannte, wie sehr es mein eigenes Leben bereicherte: all die Naturverbundenheit, die Erdung, die praktische Veranlagung, der Hausverstand, die Natürlichkeit, die Verantwortung, der Sinn für Gerechtigkeit, die Sorge für Andere, die Kooperation, die Dankbarkeit, die Verbindung mit dem Göttlichen, das Ehren der Alten und der Traditionen, der Sinn für Ordnung, der Ehrgeiz, Ziele zu erreichen, die Leidenschaft für das Tun und Wirken und die Selbstlosigkeit. Das Tun meines Vaters galt einzig und allein seinen Kindern. Ich begann das halbvolle Glas zu sehen und fühlte Dankbarkeit.

Und erst vor wenigen Monaten verstand ich, wie sehr ich meinen Vater in all den einsamen Männern liebte, denen ich begegnet war. Es war eine Erkenntnis, die mich erschütterte und zu Tränen rührte. Mein Vater hat ein Lieblingslied „Der alte Jäger vom Silbertannental“. Und obwohl es mir bekannt war, hatte ich dem Text nie bewusst gelauscht. Als mein Vater vor kurzem an einem Geburtstag zu diesem Lied tanzte, sah ich, dass er weinte und ich ging daran, mir diesen Text genauer durchzulesen. Erst da verstand ich, dass ich die unermessliche Einsamkeit meines Vaters schon als Kind ganz klar wahrgenommen hatte, dass sie mich berührte und dass sie mich bis ins Erwachsenenleben berührte, in all den Männern, die mir in der Tiefe begegneten. So groß also war die Liebe eines Kindes zum eigenen Vater. So groß das Potenzial der Heilung. So segensreich der Prozess der Vergebung.

 

Als meine ältere Schwester vor zwei Wochen vorschlug, mit unseren Eltern am Vatertag einen Ausflug zu den Orten seiner Kindheit zu machen, wusste ich, dass es kein Schöneres Geschenk für unseren Vater geben konnte. Er selbst bestimmte die Reiseroute, zeigte uns die Gräber seiner Großeltern und Urgroßeltern und deren Wurzeln in den Hügeln der Buckligen Welt. All die Namen, die schon in der Familiengeschichte Platz gefunden hatten, wurden erneut lebendig und die Orte sichtbar. Der Segen des Himmels war mit uns. Es war ein prachtvoller Tag, herrlichster Sonnenschein begleitete die Reise und im blumenübersäten Kornfeld nahe dem Haus meines Großvaters zeigte sich fast unbemerkt ein Schmetterling, als ich ein Video aufnahm.

 

Alles war göttlich geführt. Der Ausflug. Die Lebensreise. Das Leben auf dem Bauernhof. Die Wahl meiner Eltern. Wenn wir uns als Seele wünschen, mehr über Vergebung, Mitgefühl und Liebe zu lernen, dann müssen die anfänglichen Bedingungen chaotisch, lieblos und schwierig sein. Wie sonst könnte man diese Qualitäten als Seele und in der Tiefe entwickeln?

Der Mensch lernt am allermeisten durch Schmerz. In ihm liegt großer Segen, wenn man bereit ist, ihn zu erkennen. Immer aber führt uns die Seele zu Momenten des Erkennens. Ob wir hinsehen, entscheiden wir SELBST. Alles, was wir erkennen und bewusst machen, ist Heilung für unser gesamtes Familiensystem. Die aktuelle Zeit braucht dieses Erkennen des Einzelnen. Nur dadurch nähren wir den Frieden im Großen. In der gesamten Menschheit hier auf Erden.

Ich wünsche dir, dass du mit deiner Herkunft in Frieden bist. Dass du den Vater in dir achten kannst. Und dass du all das Gute siehst, das du dank seiner in dir entwickeln konntest. Vielleicht ist das wahre Ziel jenes, wie es Goethe so wunderbar in Worte fasst:

„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt,
der froh von ihren Taten, ihrer Größe
den Hörer unterhält und, still sich freuend,
ans Ende dieser schönen Reihe sich
geschlossen sieht.“

 

Wenn dich deine innere Stimme einlädt, tiefer in deine Heilung eintauchen und du dafür eine erfahrene Begleitung suchst, melde dich. Ich freue mich, dich dabei zu unterstützen.

 

Herzensgrüße zu dir

Deine Erika

 

Titelbild von Pixabay

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