Nimm dir Zeit. Ein Acker, der ausruhen konnte, liefert prächtige Ernte. Ovid

Der Monat Oktober ist jener Monat, in dem Menschen hierzulande ihre Dankbarkeit auf besondere Weise zeigen. Es ist das Brauchtum des Erntedankes, das in bäuerlichen Gemeinden gepflegt wird. Dort, wo Menschen verstärkt im Einklang mit der Natur leben. Wo Landwirte verbunden mit den vier Elementen ihre Felder bestellen, die Saat ausbringen, sie in ihrem Rhythmus wachsen lassen, um sie schließlich als Ernte in die Scheunen einzufahren. Das Leben eines Landwirtes ist undenkbar ohne das Vertrauen in die natürlichen Prozesse des Wachsens und Gedeihens.

Ich bin in einer solchen Umgebung groß geworden und auch wenn ich das Leben auf dem Land als hart empfand, so habe ich doch ganz essenzielle Dinge gelernt, die mich heute noch in meinem Alltag und in meinen Handlungen prägen: Wir sind mit allem und allen verbunden. Diese Erde nährt uns. Es ist gut für uns gesorgt. Man darf den Dingen ihren natürlichen Lauf lassen. Wachstum kann nicht erzwungen werden, vielmehr müssen die Bedingungen stimmen. Es ist genug für alle da. Zusammenhalt ist wichtig.

 

Das zyklische Werden und Vergehen in der Natur ist eine Metapher für die menschlichen Entwicklungsprozesse. Wir nehmen auf, wir geben ab, wir lernen dazu, wir verlernen wieder, wir setzen Prioritäten, wir ändern sie wiederum, wir bauen Schutzschilder auf und legen sie in langen Heilsprozessen – wenn wir sie denn zulassen – ab. Die Natur lebt uns all das vor. Das einzige, was uns unterscheidet, ist ihre Gabe, nichts, keine Phase und keinen Zustand in diesem Zyklus, zu bewerten oder gar zu verurteilen.

Natur IST. Sie erlaubt alles. Sie akzeptiert alles. Sie liebt alles.

Natur kennt ausschließlich SEIN

 

Man könnte auch sagen, Natur kennt ausschließlich Dankbarkeit. Sie würdigt jeden Wachstumsschritt und jeden Sterbeprozess. Sie birgt die immense Weisheit und das Wissen, dass aus jedem Sterben neues Leben entsteht. Dass nichts an Energie verloren geht, und dass es nie einen neuen Frühling geben kann, wenn nicht zuvor der Winter in all seiner Kälte und Unbarmherzigkeit den vermeintlichen Tod über die Lande hat ziehen lassen.

Wir Menschen fühlen uns nur dann wertvoll, wenn wir auch tun. Wenn wir Leistung bringen. Wenn wir nützlich sind für andere. Dahinter versteckt sich das tiefsitzende Gefühl der Wertlosigkeit, weil wir allesamt durch eine Sozialisation gingen, in der Zuneigung und Liebe an Bedingungen geknüpft waren. Wir haben uns einreden lassen, dass wir es nur wert sind, wenn …

All das kennt die Natur nicht. Wer mit wachen Augen durch den Wald geht, sieht allerlei Geäst, Gestrüpp und Gesträuch in den natürlichsten Formen, und kein Baum würde sich anmaßen, böse Witze über deren Erscheinung zu machen. Warum? Weil jedes Leben im Wald weiß, wie sehr alles mit allem zusammenhängt. Wie wichtig Kooperationen sind. Wie wertvoll der Schutz der Stärkeren und wie nährend das zarte Geflecht im dunklen, geheimnisvollen Boden. Alles wird gebraucht. Alles ist gleich wertvoll.

Dankbarkeit für ALLES

 

Der Oktober könnte uns zu einem Monat der Dankbarkeit werden. Der dankbaren Innenschau für ALLES, was uns ausmacht und für all das, was wir geworden sind oder auch nicht geworden sind.

Wenn wir in eine Haltung der Dankbarkeit gehen, dann fallen uns zu allererst die Dinge ein, die uns ein positives Hochgefühl geben. Wir sind dankbar für den schönen Urlaub, für die Auszeichnung, für das gute Essen, für den Blumenstrauß, die Gehaltserhöhung, das neue Auto, unsere Gesundheit oder eine Einladung.

Wie aber sieht es mit jenen Bereichen aus, die alles andere als ein Hochgefühl in uns auslösen? Wie zum Beispiel das Ende einer Beziehung, eine Krankheit, der Verlust von Geld und Besitz, Arbeitslosigkeit, Streit mit der Familie, ein Traum, der ins Wasser fiel, der nicht erfüllte Kinderwunsch, der Bruch einer Freundschaft, die Hochsensibilität oder ein Unfall. Auf den ersten Blick sind es allesamt Tatsachen, die uns eher in eine Depression führen, als dass wir den Wert des inneren Wachstums darin erkennen würden.

In diesen Ereignissen verbergen sich jedoch heilsame Geschenke, wie Demut, Weisheit, Geduld, Bescheidenheit, Verständnis, Mitgefühl, Akzeptanz, Unterscheidungsvermögen, Stärke, Durchhaltevermögen, Kraft, Empathie und vieles mehr. Und gerade diese Qualitäten machen uns erst zu einem ganzheitlichen Menschen.

Hochgefühle verbinden uns mit dem Himmel. Traurigkeit mit Mutter Erde. Es braucht beides. Es braucht ein Leben in Balance. Es braucht Wertschätzung für alle Aspekte unseres Lebens. Wertschätzung für alle kleinen Tode, die wir im Lauf unseres Lebens gestorben sind. Wertschätzung für alle kleinen Siege, die wir errungen haben. Das Eine zählt nicht mehr wie das Andere. Das Eine kann nur dank des Anderen existieren. Endloses Wachstum gibt es nur in Verbindung mit der mutigen Integration von Prozessen des Sterbens und Loslassens. Das gilt im Großen wie im Kleinen. Es ist universelles Gesetz.

 

Dankbarkeit in voller Reife

 

Dankbarkeit – reife Dankbarkeit – umfasst das ganze Leben. Die gesamte Existenz. Jeden einzelnen Entwicklungsschritt, jede noch so geringe Erfahrung. Wer einem kleinen Kind jemals bewusst zugesehen hat, wie es einen Kieselstein aufhebt, weiß, was gemeint ist. In diesem Moment ist für dieses Kind nichts bedeutender als dieser einzigartige Stein. Er ist der Auserwählte. Er zählt über alle Massen. Und er ist nicht nur symbolischer Baustein in der Entwicklung des Kindes.

Wir haben dieses Staunen über die Details verlernt. Wir haben uns längst in der Geschäftigkeit des Alltags verirrt und damit allen Zauber im Leben verloren. Dabei ist nichts eine Selbstverständlichkeit. Nicht jeder Mensch kann sehen, nicht jeder kann gehen, nicht jeder hat ein Dach über dem Kopf und nicht jeder wird satt. Doch lernt der Mensch Wertschätzung und Dankbarkeit meist erst dann, wenn ihm ein Komfort genommen wird. Wenn etwas in den Verlust geht. Wenn er den Kontrast erfahren darf. Es scheint in der Natur des Menschen zu liegen.

 

Ich wünsche dir, dass du Dankbarkeit für alle Aspekte deines Lebens empfinden kannst. Dass du dich für alles wertschätzt, was dich hier und heute ausmacht. Dass du dir vergibst, wenn du streng mit dir warst oder noch bist. Der einzige Mensch, der ein Leben lang an deiner Seite ist, bist du SELBST. Je mehr du diesen Menschen liebst, akzeptierst und in seiner Einzigartigkeit annimmst, desto schöner seine Gesellschaft und desto unabhängiger dein Leben. Fühle, wie wertvoll du bist für das große Ganze. Wenn du nicht wärst, würde etwas und jemand fehlen. Weil du bist, existiert alles.

Ich wünsche dir einen Monat voll von Dankbarkeit und viele Segnungen dazu.

Herzensgrüße zu dir

Erika

 

Alle Fotos aus meiner Heimat – der Buckligen Welt

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