Vor Jahren realisierte ich mit einer Arbeitskollegin ein kreatives Projekt an meiner Schule. Es waren farbenfrohe Stunden, in denen wir die Wände der Pausenhalle in den schillerndsten Pastellfarben bemalten. Monika war die tonangebende Künstlerin, ich ihre Assistentin. Wir arbeiteten Hand in Hand und führten nebenbei wohltuende Gespräche, die in die Tiefe sanken und unsere freundschaftliche Verbindung stärkten. Das Seelenvolle dieses Austauschs verpackten wir in unser gemeinsames schöpferisches Werk. Es konnte sich sehen lassen. Und während wir einander zum geglückten Resultat gratulierten, überreichte mir Monika ein Buch als Erinnerung an diese bedeutungsvolle Woche. Sein Titel lautete: Die Wolfsfrau.

Ich war 28 Jahre alt, als ich das vielleicht wichtigste Buch von Clarissa Pinkola Estés zum ersten Mal las. Es berührte mich tief. Wohl an einer Stelle, zu welcher ich nie zuvor durchgedrungen war. Es erzählte von den geheimnisvollen Tiefen der Seele, in der die Instinktnatur des Menschen zu Hause ist: Die Wolfsfrau. Diese Weise Alte, ein Urbild und weitverbreiteter Archetyp der Menschheit, steht für das instinktive Urwissen, das eine umfassende Kenntnis unserer Seelenlandschaft besitzt.

Die Weise Alte existiert in jeder Frau. Sie bewohnt den Raum in unserer Psyche, wo das Instinktive, das noch Ungezähmte und wilde Selbst, in den bewussten Verstand übergeht. Ihr Zuhause ist der Punkt, an dem das ‚Ich‘ und das ‚Du‘ miteinander verbunden sind, wo der Geist einer Frau in Gestalt einer Wölfin der Freiheit entgegenstrebt. (C. Pinkola Estés, Die Wolfsfrau erzählt, Seite 79)

Diese Weise Alte ist wie eine Brücke zwischen der rationalen Welt und den geheimnisvollen und grenzenlosen Tiefen unseres Inneren. Sie repräsentiert eine Art Zwischenreich, zu dem wir Zugang erhalten, wenn wir dem Kreativen in unserem Leben Raum geben. Im Tanz. In der Musik. In der Poesie. In der Liebe. Und auch im Alleinsein. Wenn wir in einem erweiterten Bewusstseinszustand Zugang zu den tiefen Schichten unseres SELBSTES und unserer Seele erhalten. Meist erhaschen wir nur den Funken einer Ahnung dieser unermesslichen Kraft und Weisheit, die unserer Instinktnatur innewohnt, unsere Seele nährt und uns einlädt, tiefer zu blicken und uns noch tiefer zu verbinden. Manchmal mag uns die Begegnung erschüttern. Wie immer die Erfahrung für den Einzelnen ausfällt, ich bin überzeugt, dass jeder Seele im Lauf des Lebens eine Begegnung mit der Instinktnatur vorbehalten ist, und dass es nur an uns liegt, offen für diese Begegnung zu sein.

Die Weise Alte ist schonungslos ehrlich in der irdischen Existenz. Sie ist Hüterin allen Werdens und Vergehens. Totengräberin und Lebensspendende in Einem. Sie kennt die Zyklen des Lebens. Ihre Ratschläge scheinen manchmal unbarmherzig, sind aber immer im Einklang mit dem Plan des Höchsten in uns. Sie nimmt, wenn es Zeit ist loszulassen und gibt, wenn Neues entstehen soll. Wenn die Wolfsfrau singt, dann aus dem tiefsten Unterbauch heraus.

Die Erfahrung wurde mir praktisch zuteil, als ich im Jahr 2013 an einem Ayahuasca-Ritual in Brasilien teilnahm. In dem Moment, als alle bewusste Ratio und die dazugehörigen Funktionen still gelegt waren und sich nur das Unterbewusste mitteilen konnte, drang aus meiner Kehle ein Laut, der einem Urschrei gleichkam. Ich konnte ihn nicht kontrollieren, die Lautstärke nicht beeinflussen. Der Schrei kam aus den Tiefen meines Unterbauchs und meiner Erinnerung nach dauerte er gefühlte zwanzig Sekunden. Für mich war es der Gesang der Wolfsfrau, der sich ausdrücken musste. Zum ersten Mal in meinem Leben. In diesem Moment hatte ich eine ganz und gar authentische Verbindung zu meiner Instinktnatur. Zu ihrer Kraft und Weisheit. Dieser eindrucksvolle Schrei hat auf einer tiefen Ebene gereinigt und geheilt. Er hat Trauer und Unterdrückung vergangener Leben hinweggefegt und etwas in mir von Grund auf erneuert und auferstehen lassen.

Die Erfahrung der Heilung, die ich in einem unbewussten Zustand erlebt habe, kann ebenso gut bewusst im Alltag kreiert werden. Ganz gezielt, indem wir uns mit der Alten Weisen verbinden und die essenziellen Fragen stellen. An einem Ort und zu einer Zeit, wo wir uns ganz auf uns SELBST besinnen und offen bleiben für die ehrlichen Antworten, die in uns aufsteigen:

  • Was ist aus meiner Seele geworden?
  • Was in mir ist kaputt, abgestorben oder droht, abzusterben, wenn ich so weitermache?
  • Welche Grundbedürfnisse liegen inzwischen unter Sanddünen begraben?
  • Wie steht es mit meiner Beziehung zum wilden, instinktiven Selbst?
  • Wann bin ich zum letzten Mal frei und laut lachend einem unbekannten Horizont entgegengelaufen?
  • Was sagt die Stimme meiner Seele in diesem Augenblick?
  • Singt sie die herrlichen Schöpfungshymnen oder verstummt sie mehr und mehr?
  • Wie mache ich das Totgeglaubte wieder lebendig in mir, in meinem Haus, in meiner Umwelt?
  • Wo ist die Wolfsfrau in mir? Geht es ihr gut?

(C. Pinkola Estés, Die Wolfsfrau erzählt, Seite 87)

 

Das Thema des Todes scheint in unserer Gesellschaft völlig ausgeklammert. So als könnte es uns gelingen, das Ereignis selbst auszulöschen und das Vokabel für immer aus dem Wortschatz zu verbannen. Warum so wenige Menschen das Leben in seiner Ganzheit und mit all seinen Facetten zelebrieren, hat damit zu tun, dass dem Sterben und dem würdevollen Abschiednehmen im Leben nicht der gebührende Platz zugewiesen wird. Nicht nur dem letzten unausweichlichen Tod, sondern auch den kleinen Abschieden im Alltag, die allesamt notwendig sind, um dem Neuen Raum zu geben. Und Wachstum zu ermöglichen.

Wir haben die Fähigkeit, tote und abgeschnittene Aspekte von uns selbst ins Leben zurückzurufen, und mehr noch. Wir, als Frauen, sind Verkörperungen des zwiefältigen Archetyps der Urmutter Natur, die alle Wesen schafft und sterben lässt, nur um ihnen wieder neue Formen zu verleihen, wieder und wieder. Wir sind dieses Todbringende und Lebensspendende in einem. Und unsere Arbeit besteht darin, mit unserer weiblichen Einfühlsamkeit herauszufinden, welche Aspekte sterben müssen und wann, welche Aspekte leben sollen und wie. (C. Pinkola Estés, Die Wolfsfrau erzählt, Seite 81)

Obwohl die Autorin ihr Werk den Frauen widmet, bin ich der Überzeugung, dass der Archetyp der Weisen Alten in jedem Mann zugegen ist. Vielleicht nicht in derselben Intensität, aber Tatsache ist, dass das Instinktive beiden Geschlechtern innewohnt. Vielleicht aber sind wir in einer Ära angekommen, wo die Weisheit der Frauen gebraucht wird, um das Leben auf Erden auf lange Sicht zu schützen und alles vorhandene Ungleichgewicht in Balance zu bringen. Dieser Planet braucht die Gesänge der Wolfsfrau und den authentischen Ausdruck der Instinktnatur, die Leben zu wahren weiß, und Prozesse, die dem Untergang geweiht sind, sterben lässt.

Das, was in den Frauen über Jahrtausende unterdrückt wurde, erwacht neu. Seelen lassen sich kränken, aber nicht vernichten. Das Wahrhaftige und Lebendige stirbt nie zur Gänze. Es ist Teil der all-einen Quelle, aus der alle Schöpfung kommt. Es ist eine Zeit des Erwachens. Ein Erwachen der SELBSTE. Ein Erwachen zur eigenen Größe und ein Erwachen zu etwas Größerem in der Menschheit. Wenn jemand den klugen Weg weisen kann, dann die Seele. Und die Vermittlerin scheint mir dazu die Wolfsfrau zu sein. Jene Instinktnatur, deren sechster Sinn eine scharfe Intuition ist. Und die mit allen Zyklen des Lebens vertraut ist. Die das Auf und Ab nicht scheut. Die keine Angst davor hat, loszulassen, und keine Angst davor hat, neu zu gebären.

HERZliche Grüsse

Erika

 

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