Mit acht Jahren war ich zum ersten Mal verliebt. Er hieß Gerald und ging in meine Klasse. Er war alles, was mir an einem Jungen gefiel: hübsch, intelligent und sensibel. Er hatte eine ruhige Natur und ein klassisches Benehmen. Und natürlich war er bei allen beliebt. In meinen Tagträumen stellte ich mir vor, dass wir ein Paar waren, und dass niemand in der Gesellschaft sich darüber wunderte.

Ich behielt dieses Geheimnis für mich. Ich habe ihm nie gesagt, dass er direkt in meinem Herzen Platz genommen hatte. Jahre später in der Hauptschule konkurrierten wir im Kopfrechnen in der Mathematik. Mal war er der Gewinner, mal ich. Mein zartes Gefühl von Liebe aus Volksschultagen begann jedoch nach und nach zu verblassen. Und sehr bald trennten sich unsere Wege.

Es folgten Jahre, in denen ich romantische Vorstellungen von Liebe kultivierte und die in wenigen Fällen zaghaft erwidert wurden. Erst als ich mit 19 Jahren unverhofft auf einer Tanzfläche geküsst wurde, wachte ich schlagartig aus meinem Dornröschenschlaf auf. Das Ereignis war ein Schock, und es brauchte eine ganze Weile, um zu integrieren, was passiert war. Dieser junge Mann war der erste, der mir körperlich näher kam und mit dem ich die Erfahrung einer erwachenden Frau machen durfte.

Unsere Verbindung hielt drei Monate. Dann trat der Mann in mein Leben, der mir drei Jahre später einen Heiratsantrag machte. Ich war aufgeregt. Allerdings wich die anfängliche Aufregung bald einem inneren Druck, der immer unerträglicher wurde. Mein Rückzug vor der endgültigen Entscheidung einer Vermählung geschah zwei Monate vor dem Hochzeitstermin. Ob ich diesen Mann liebte? Ich glaube, ich wusste es nicht. Ich wusste nicht, was Liebe war. Ich war so verunsichert, wenn es darum ging, Gefühle mitzuteilen. Liebte er mich? Ich bin mir sicher.

Nach dieser Trennung begab ich mich in eine Verbindung, die sechs Jahre währte. Und obwohl mich auch dieser Mann ohne Wenn und Aber geheiratet hätte, wusste ich ganz tief in mir drinnen, dass wir nicht für einander bestimmt waren. Ich mochte diesen Mann. Liebte ich ihn? Ich weiß es nicht. Ich hatte den Eindruck, nicht zu wissen, was Liebe war. Der Mann war eine gute Seele, liebevoll und geerdet. Und trotzdem verließ ich ihn, als ich mein erstes Jahr im Süden Frankreichs verbrachte. Die Zeichen, die mir das Universum schickte, waren Telefonzellen, die nach und nach kaputt gingen. Nachdem der Radius, eine neue Zelle zu erreichen, immer grösser wurde, verstand ich irgendwann die Botschaft. Ich trennte mich von diesem Mann, der an Freundlichkeit, Authentizität und Sensibilität seinem Vorgänger um nichts nachstand.

Solange man diejenige, oder derjenige ist, der verlässt, hat man den tiefsitzenden Schmerz verlorener oder nie empfundener Liebe nicht gefühlt. Die Angst davor ist zu groß. Und das Unbewusste unterstützt die Schutzmechanismen, um den noch größeren Schmerz des Verlassenwerdens nicht fühlen zu müssen.

Wenn der Schüler bereit ist, zeigt sich der Lehrer

 

Wenn man bereit ist, den Schmerz bewusst zu fühlen, dann erschafft die Seele die Bedingungen dafür. Sechs Jahre lang bin ich in Frankreich Männern begegnet, mit denen ich lernen durfte. Ob ich sie liebte? Ich wusste es nicht. Ob sie mich liebten? Ich glaube, ja. Wenn man von einem Mann die Worte hört: „Je crois, que je t’aime.“ , dann sind es Worte, die man so schnell nicht vergisst. Nicht die Worte und nicht den Moment, da sie gesprochen wurden. Ich wusste, es waren Geschenke. Und ich fühlte mich nicht in der Lage, sie anzunehmen.

2011 rief mich Maui. Im Zuge meiner USA-Reise war es die überraschendste meiner Destinationen. Ich fühlte mich frei wie ein Vogel, aber tief drin in meinem Herzen war ich zutiefst einsam und unglücklich. An meinem Ankunftstag kümmerte sich ein junger Amerikaner darum, mir die Insel zu zeigen. Immer gab es auf meinen Reisen Menschen, die mir ihre Hilfe anboten und sehr oft waren es Männer, die mir ihre Aufmerksamkeit schenkten.

Am Tag darauf, ich saß auf der Veranda der Jugendherberge und plauderte gerade mit einem Abenteurer aus Australien, als ich zu meiner Linken eine Präsenz wahrnahm. Der gutaussehende junge Mann stellte mir in seiner delikaten und zurückhaltenden Art eine Frage. Erst da spürte ich vage, dass meine Seele mich auf eine Reise der besonderen Art einlud. Den Abend verbrachte ich in heiterer Runde, umgeben von fünf Männern. Doch dieser Eine sollte immer in meiner Nähe sein. Seine Sorge um mich rührte mich.

Tags darauf, es war sein letzter Tag auf der Insel, verbrachten wir einen gemeinsamen Ausflug in der Gruppe. Den ganzen Tag über spürte ich nicht nur, dass, sondern wie sehr ich verliebt war. Bis spät in die Nacht redeten wir auf der Veranda von Seele zu Seele. Und ich hätte den Moment auf ewig festhalten wollen. Ich war damals 36.

Der Abschied schmerzte mich, und das obwohl keiner von uns beiden von Gefühlen oder über unsere Verbindung sprach. Wahrscheinlich hatte es keiner Worte bedurft. Wir verbanden uns kurz darauf auf Facebook und der „Zufall“ schickte mir sehr bald Zeichen, dass die nächste Reise nach Kanada gehen würde. Dort war er zuhause. Und dort traf ich ihn wieder.

Zwei Wochen lang zeigte er mir das Land seiner Wahl. Er führte mich an Orte in der Natur, die mich überwältigten: tosende Wasserfälle, eisige Gletscher, stille Seen, klare Flüsse, wilde Tiere auf den eindrucksvollen Highways und das mächtige Gebirge der Rocky Mountains. Es war ein Fest für die Sinne. Und obwohl ich mich in der Präsenz dieses vertrauten Mannes, in seinem Humor, in seiner Feinfühligkeit und Männlichkeit so sehr zuhause fühlte, und am liebsten für immer geblieben wäre, spürte ich tief in mir drinnen, dass er selbst von Anfang an in seiner leisen Zurückhaltung vermutlich nie dieselbe Absicht gehabt hatte.

Der Abschied am Flughafen schmerzte und war tränenreich. Wenige Tage später erhielt ich seinen Anruf mit den ehrlichen Worten: „There is love for you, Erika. But I am not in love with you.“  Obwohl ich es wusste und fühlte, verschlug es mir die Sprache. Am Ende eines langen Schweigens sprach ich aus, was ich noch nie zuvor so klar in mir gespürt hatte: „I love you.“ Seine Antwort kam ohne ein Zögern: „I know.“ Dann legten wir beide auf.

Die folgenden zwei Jahre ging ich durch die Hölle. Ich war – zurück in meiner Heimat – zum ersten Mal bewusst mit meinen inneren Dämonen konfrontiert. Das einzige, was mir Halt gab, waren die Worte meiner weisen Freundin Phyllis: „Accept the pain in love.“  Ich begegnete meiner Ohnmacht, meiner Hilflosigkeit und einer profunden Traurigkeit. Und es war das erste Mal, da ich am eigenen Leib erfuhr, dass Liebe  weh tat. Ich konfrontierte einen unaussprechlichen Schmerz, der jahrzehntelang in mir eingesperrt war.

Und irgendwann verstand ich, dass es eine Einladung in das Erwachen der sanften, wilden und weisen Frau in mir war. Das Erwachen in die Liebe.

Das Herz muss so oft gebrochen werden, bis wir es öffnen … sagt Rumi.

PS: Drei Jahre später bat ich den Mann, den ich nicht geheiratet hatte, um ein Treffen. Er nahm die Einladung an. Ich teilte ihm mit, dass ich nun wüsste, wie es sich anfühlt, wenn man in der Liebe verletzt würde. Und wie sehr es mir leid tat, ihm diesen Schmerz so viele Jahre zuvor zugefügt zu haben. Er erwiderte es dankbar und mit einem Lächeln.

Hier geht es zum 2. Teil der Geschichte

Das Beitragsbild stammt von Pixabay.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen